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16.06.2020

Bluthochdruck: Frühes Handeln ist geboten

Blutdruckwerte unter 140/90 mmHg gelten heute als „normal“ bzw. „hochnormal“, Werte unter 120/80 mmHg als „optimal“. Doch selbst in diesem Blutdruckbereich besteht schon eine direkte Korrelation zwischen Blutdruckhöhe und atherosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen – beginnend bei einem niedrigen systolischen Wert von 90 mmHg, so das Ergebnis der Studie einer US-Forschergruppe um Dr. Seamus Whelton vom Johns Hopkins Ciccarone Center for Prevention of Cardiovascular Disease in Baltimore.

Risikozunahme bereits unterhalb der Hypertonie-Schwelle

Das vom Blutdruck ausgehende Risiko steigt demnach schon deutlich unterhalb der für die Hypertonie geltenden Blutdruckgrenze an. Die Schlussfolgerung der Forscher und Whelton aus dieser Erkenntnis lautet, dass es für präventive Lebensstil-Maßnahmen zur Vorbeugung eines Blutanstiegs im Leben der Menschen nie zu früh ist. Um die Frage der Zielwerte für eine medikamentöse antihypertensive Therapie ging es der Gruppe in ihrer Studie nicht.

Ihr Ziel war einzig und allein, bei völlig gesund erscheinenden Menschen ohne Hypertonie oder andere kardiovaskuläre Risikofaktoren einen möglichen Zusammenhang zwischen Blutdruckhöhe und dem Risiko für subklinische Atherosklerose (Koronarkalk)  sowie für atherosklerotischen Gefäßerkrankung aufzuspüren.

Epidemiologische Studiendaten geben Auskunft

Grundlage dafür bildeten die Daten von 1457 Teilnehmern (mittleres Alter 58 Jahre, 61,4% Frauen) der epidemiologischen MESA-Studie (Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis), die alle zu Beginn weder eine atherosklerotisch bedingte Herz-Kreislauferkrankung (atherosclerotic cardiovascular disease, ASCVD) noch Risikofaktoren wie  Dyslipidämie, Diabetes oder Rauchen aufwiesen und deren Blutdruckwerte im Normalbereich zwischen 90 mmHg und 129 mmHg lagen (mittlerer Ausgangsblutdruck: 111,3/67,5 mmHg).

Bei rund einem Drittel aller Teilnehmer ergab eine zu Beginn vorgenommene Koronarkalk-Messung einen positiven Befund. Schon dabei zeigte sich eine Korrelation mit der Blutdruckhöhe: So lag der Anteil an Patienten mit Koronarkalk-Nachweis in der Subgruppe mit den niedrigsten systolischen Blutdruckwerten (90 - 99 mmHg) bei 19,7%, während er in der Subgruppe mit den relativ höchsten Werten  (120 - 129 mmHg) mit  40,8% doppelt so hoch war.

Kardiovaskuläres Risiko steigt schrittweise

Im Follow-up-Zeitraum der Studie  von 14,5 Jahren kam es bei den Teilnehmern zu insgesamt 94 kardiovaskulären Ereignissen. Die altersadjustierte Inzidenzrate war mit 4,7 Ereignissen pro 1000 Personenjahre relativ niedrig. Gleichwohl offenbarte die Analyse eine Abhängigkeit des ASCVD-Risikos von der Blutdruckhöhe: Mit jeder Zunahme des systolischen Blutdrucks um 10 mmHg erhöhte sich das relative Risiko schrittweise um 53%.

Im Vergleich zu Personen mit den relativ niedrigsten systolischen Blutdruckwerten  (90 - 99 mmHg) war das  ASCVD-Risiko bei Werten von 100 – 109 mmHg um den Faktor 3,0, bei Werten von 110 – 119 um den Faktor 3,1 und bei Werten von 120 – 129 mmHg um den Faktor 4,58 erhöht. Nach diesen Ergebnissen sind bereits Blutdruckwerte im Normalbereich mit der Entwicklung von kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert. Sie stehen in einem gewissen Gegensatz zu Ergebnissen anderer Studien, denen zufolge die Assoziation von Blutdruck und kardiovaskulärem Risiko J-förmig verläuft und es bei niedriger werdenden Blutdruckwerten wieder zu einer Risikoerhöhung kommt.

Fazit - Konsequente Primärprävention ist geboten

Was folgt aus der aktuellen Studie? Sicher nicht die Empfehlung, den systolischen Zielwert für die medikamentöse Blutdrucksenkung auf 90 mmHg zu senken. Denn für die Beurteilung der Nutzen/Risiko-Bilanz einer entsprechend aggressiven Behandlungsstrategie geben die neuen Studienergebnisse nichts her.

Nach Ansicht der Studienautoren um Whelton stützen sie aber die Bedeutung einer konsequenten Primärprävention durch gesunde Lebensweise, um neben anderen relevanten Risikofaktoren auch dem mit zunehmendem Alter häufig beobachteten Anstieg des systolischen Blutdrucks vorbeugen.

Literatur: Whelton S.P. et al.: Association of Normal Systolic Blood Pressure Level With Cardiovascular Disease in the Absence of Risk Factors. JAMA Cardiol., online 10. Juni 2020. doi:10.1001/jamacardio.2020.1731

Quelle: Kardiologie.org, 12.06.2020