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27.10.2020

Herzpatienten mit Komorbiditäten – Herausforderung für den behandelnden Arzt

Mit Patienten, die nicht nur am Herzen erkrankt sind, haben es Kardiologen zunehmend häufiger zu tun, darauf machte Prof. Nikolaus Marx, Tagungspräsident der diesjährigen DGK-Jahrestagung und Herztage, bei einer Pressekonferenz aufmerksam. „Das ist eine Herausforderung, der wir uns aus meiner Sicht zunehmend stellen müssen“, gab der Kardiologe aus Aachen seinen Kollegen mit auf den Weg. „Zunehmend“, weil die Bevölkerung immer älter wird, und auch immer mehr Krankheiten, z.B. Tumore, überlebt werden.

58% der Herzinsuffizienz-Patienten haben Begleiterkrankungen

Wie häufig komorbide Herzpatienten im Alltag anzutreffen sind, verdeutlicht er am Beispiel der Herzinsuffizienz: 58% der Patienten weisen vier oder mehr Komorbiditäten auf. Dazu gehören nicht nur die typischen Risikofaktoren wie Hypertonie und KHK, sondern auch Erkrankungen, die primär nichts mit dem Herzen zu tun haben wie Schilddrüsenerkrankungen oder Depression. Immer häufiger im Alltag begegnen Ärzte Tumorpatienten, die eine Herzinsuffizienz aufweisen. Da es Tumortherapien gebe, die kardiale Nebenwirkungen haben und unter Umständen eine Herzinsuffizienz nach sich ziehen, erläuterte Marx einen Grund für die Zunahmen solcher Patienten.

Prognose verschlechtert sich deutlich

Warum die Befassung mit dem Thema so wichtig ist, macht Marx an den Folgen sowohl für den Patienten als auch für die Ärzte deutlich. Sind Begleiterkrankungen vorhanden, kann das die Prognose wesentlich beeinflussen. So sind die Überlebenschancen von herzinsuffizienten Patienten umso schlechter, je fortgeschrittener die Niereninsuffizienz ist. Bei stark fortgeschrittener Nierenschwäche versterbe nach zwei Jahren ungefähr die Hälfte der Patienten, berichtete Marx.

Ärzte entscheiden nicht selten anders

Die Auswirkungen auf die Therapieentscheidung macht der Kardiologe an einer Studie deutlich, die die Versorgung von NSTEMI-Patienten mit und ohne Niereninsuffizienz untersucht hat. Je schlechter die Nierenfunktion war, desto seltener seien Empfehlungen zum Rauchstopp und zur Rehabilitation ausgesprochen worden. Dasselbe galt auch für Empfehlungen zur Diät und körperlicher Bewegung.

Ebenso Konsequenzen hat eine Begleiterkrankung auf die Ergebnisse einer Behandlung, die von Ärzten eingeleitet wird, beispielsweise im Falle einer Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI). Je schlechter die Nierenfunktion der behandelten Klappenpatienten vor dem Eingriff ist, desto geringer sind die Überlebenschancen der Patienten nach der TAVI.

Pharmakotherapien sind „evidenzfreier Raum“ 

Bei der pharmakologische Behandlung von Herzpatienten mit Begleiterkrankungen bewegt man sich zudem immer häufiger in einem laut Marx „evidenzfreiem Raum“ Denn: „In den meisten Studien werden Patienten mit Komorbiditäten und multimorbide Patienten ausgeschlossen“, erläuterte der Kardiologe das Problem. Etwa gebe es keine Evidenz zur Wirkung von Mineralokortikoidrezeptoren (MRA) und Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitoren (ARNI) bei Patienten mit Herzinsuffizienz und fortgeschrittener Niereninsuffizienz.

Interdisziplinäre Ansätze zur Verbesserung der Patientenversorgung

Wie lässt sich diesem Problem in Zukunft Herr werden? Zum einen schlägt Marx vor, Studien gezielt mit Einschluss von komorbiden Patienten zu konzipieren. Zum anderen regte er an, interdisziplinäre strukturierte Programme und Versorgungsstrukturen zu etablieren. In der Uniklinik Aachen hätten sie eine interdisziplinäre Herz-Nieren-Station ins Leben gerufen. Weiterhin geplant sei eine Herz-Lungen-Station. Laut Marx werde dies von den Patienten „extrem gut angenommen“, und auch die Zuweiser schätzten die dortige Kompetenz. Neben der optimierten Versorgung der Patienten gewährleistet die Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachdisziplinen, wissenschaftliche Fragen beantworten zu können. „Ich kann das nur empfehlen“, lautete der Schlusssatz des Tagungspräsidenten.

Quelle: Kardiologie.org, 20.10.20; Nikolaus Marx: "Der Herzpatient mit Begleiterkrankungen", Vortrag bei der Pressekonferenz am 15. Oktober 2020 im Rahmen der 86. Jahrestagung und Herztage 2020 der DGK.