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26.08.2020

Atherosklerose: Kardiovaskuläre Sekundärprävention bei jung Erkrankten mit viel Luft nach oben

Entgegen dem allgemeinen Trend steigt die Inzidenz von atherosklerotischen kardiovaskulären Erkrankungen (ASCVD) bei jüngeren Menschen. ASCVD haben bei ihnen eine vergleichbar hohe Mortalität wie bei älteren Patienten. Wissenschaftler aus den USA vermuten, dass dies mit der sekundärpräventiven Behandlung zusammenhängen könnte.

Sie ist Patientenakten zufolge bei einer vorzeitigen Erkrankung noch häufiger nicht leitliniengemäß als bei einer Erkrankung, die erst im typischen Alter auftritt. Am schlechtesten ist die Versorgung mit ASS und Statinen demnach bei Patienten, die bereits im Alter unter 40 betroffen sind.

Seltener Therapie mit ASS und Statinen

Untersucht wurden Verordnungen für fast 1,25 Millionen Patienten mit koronarer Herzerkrankung, ischämischer zerebrovaskulärer Erkrankung oder PAVK. Von ihnen waren 135.700 vorzeitig erkrankt, das heißt Männer vor dem 55. und Frauen vor dem 65. Lebensjahr. Bei rund 7700 Patienten war die ASCVD sogar extrem vorzeitig, also schon vor dem 40. Lebensjahr, aufgetreten. In beiden Gruppen befanden sich verglichen mit den übrigen Patienten mehr Frauen und mehr Menschen mit Adipositas und Hypercholesterinämie, aber weniger Hochdruck- und Diabetespatienten.

Die vorzeitig Erkrankten erhielten im Vergleich zu den später Erkrankten seltener ASS (71,1 versus 77,4 Prozent) und seltener Statine (72,9 versus 80,5 Prozent), aber zumindest öfter eine hochdosierte Statintherapie (36,4 versus 29,9 Prozent). Diese Unterschiede blieben auch nach dem Abgleich anderer Risikofaktoren erhalten: Die Wahrscheinlichkeit einer Behandlung mit ASS beziehungsweise einem Statin war um 31 beziehungsweise 30 Prozent reduziert, die für ein hochdosiertes Statin um 37 Prozent erhöht. Für Patienten mit extrem vorzeitiger ASCVD waren die Verordnungsraten von ASS und Statinen sogar noch niedriger (47,5 und 45,7 Prozent) und auch hochdosierte Statine wurden ihnen seltener verschrieben (22,7 Prozent) als Patienten mit nicht vorzeitiger ASCVD. Auch diese Assoziationen hatten unabhängig von anderen Risikofaktoren Bestand.

Therapien von Patienten wenig konsequent umgesetzt

Zusätzlich waren die in jungen Jahren Erkrankten seltener therapieadhärent. Nur 57,9 Prozent der vorzeitig und 51,9 Prozent der extrem vorzeitig erkrankten Personen nahmen mindestens 80 Prozent der verordneten Statindosen, von den älteren Patienten waren es immerhin 72,0 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit der Therapieadhärenz war damit nicht einmal halb so hoch wie bei nicht vorzeitiger ASCVD. Dass die früh Betroffenen noch seltener leitliniengemäß behandelt wurden als die übrigen Patienten, ließ sich nicht mit den Arztkontakten erklären. Die Zahl der Konsultationen von niedergelassenen Ärzten und auch von Herz-Kreislauf-Spezialisten war sogar höher als bei den erst später erkrankten Patienten, wie die Studienautoren um Dhruv Mahtta vom Veterans Affairs Medical Center in Houston berichten. Mahtta und Kollegen vermuten, dass die Untertherapie der relativ jungen Patienten verschiedenen Ursachen geschuldet ist. Da höheres Alter ein Hauptrisikofaktor für ASCVD ist, gebe es möglicherweise die falsche Vorstellung, dass ein jüngeres Lebensalter protektive Effekte habe oder dass es sich bei jungen Patienten um ein isoliertes Ereignis handele.

Mangelndes Risikobewusstsein bei Patienten

Den Patienten stünden außerdem häufig andere als traditionelle oder metabolische Risikofaktoren im Vordergrund, etwa Thrombophilien oder entzündliche Erkrankungen, deren Behandlung die Sekundärprävention der ASCVD „verdrängen“ könne. Bei den unter 40-Jährigen werde vielleicht unter der Annahme, dass das in jungen Jahren noch nicht nötig sei, auf eine Höherdosierung der Statintherapie verzichtet.

Von Seiten der Patienten vermuten die US-Ärzte „unrealistischen Optimismus“ und „fehlendes Verständnis für die Erkrankung“ als Gründe für die geringe Therapietreue. Außerdem handele es sich häufiger um sozial schwache Patienten, die erfahrungsgemäß weniger medikationsadhärent seien. Fehlinformationen über Statinnebenwirkungen aus den sozialen Medien könnten ein Übriges tun.

Literatur: JAMA Network Open 2020; online 20. August

Quelle: ÄrzteZeitung, 21.08.2020