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19.06.2020

Nach Infarkt: Betablockade nützt Patienten länger als ein Jahr

Zu dem Problem, ob Patienten nach einem ST-Hebungsinfarkt auch dann langzeitig mit Betablockern therapiert werden sollten, wenn sie nicht herzinsuffizient sind, äußern sich die amerikanischen und europäischen kardiologischen Gesellschaften in ihren Leitlinien zurückhaltend. Es fehle an Daten zur Therapiedauer, heißt es dazu unisono.

Insofern Resultate zu diesem Thema vorhanden sind, stammen sie häufig aus einer Zeit, da primäre perkutane Koronarinterventionen noch nicht zum Therapiestandard zählten. Mediziner um den Kardiologen Jihoon Kim von der Sungkyunkwan-Universität in Seoul haben sich deshalb für ihre Kohortenstudie die Daten von 28.970 Patienten angesehen, die wegen eines Herzinfarktes einem perkutanen revaskularisierenden Eingriff oder einer Bypassoperation unterzogen worden waren (Eur Heart J 2020, online 15. Juni). Alle Teilnehmer hatten das erste Jahr nach dem Infarkt überlebt, waren frei von Reinfarkten und Herzschwäche geblieben und hatten bei der Klinikentlassung Betablocker verordnet bekommen. Primärer Endpunkt der Studie war die Gesamtmortalität, sekundäre Endpunkte waren die Häufigkeit von Reinfarkten und Herzschwäche sowie die Kombination von Gesamtsterblichkeit, Reinfarkten und Herzinsuffizienz.

Dreieinhalbjährige Nachbeobachtungszeit

Insgesamt 78 Prozent der Patienten bekamen mindestens ein Jahr lang Betablocker verschrieben, meist Carvedilol, Bisoprolol oder Nebivolol. Während einer median dreieinhalbjährigen Nachbeobachtungszeit starben 1684 Probanden (5,8 Prozent). Die Gabe von Betablockern über ein Jahr oder länger halbierte die Mortalität im Vergleich zu kürzerer Einnahme. Das geringere Sterberisiko von Patienten mit langzeitiger Betablockertherapie blieb, nach Abgleich gegen Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Hochdruckdiagnose, Kammerflimmern, Begleitmedikation und anderen, auch in der multivariablen Analyse erhalten, obzwar abgeschwächt mit einer Reduktion um 19 Prozent.

Dauer der Einnahme entscheidend

Interessant war dabei die genaue Dauer der Einnahme. Im Vergleich von Patienten, die ihren Betablocker zwei Jahre und länger eingenommen hatten, mit solchen unter kürzerer Therapie ergab sich weiterhin ein Vorteil für die längere Gabe sowohl bei der Gesamtmortalität wie bei allen sekundären Endpunkten mit Ausnahme des Auftretens von Herzschwäche. Dabei zog man nur solche Patienten für den Vergleich heran, die zwei Jahre nach dem Infarkt noch lebten; ein Immortal-Time-Bias wurde dadurch vermieden. Derselbe Vergleich für mindestens dreijährige versus kürzere Betablockertherapie ergab aber keinen Nutzen mehr für die längere Einnahme, also auch keine Reduktion der Mortalität. Einzige Ausnahme war der aus Gesamtsterblichkeit, Reinfarkten und Herzinsuffizienz kombinierte Endpunkt; hier betrug die Risikosenkung für längere Betablockerbehandlung im Mittel noch 15 Prozent. Daten zum Typ und zur angiografischen Schwere der Infarkte waren den Forschern nicht zugänglich, auch Daten zur Nachsorge waren nur begrenzt verfügbar.

Betablockertherapie mit geringerer Sterblichkeit verknüpft

Quelle: ÄrzteZeitung, 17.06.2020