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10.03.2020

Plötzlicher Herztod bei jungen Patienten: Screening der Angehörigen oft vernachlässigt

Eine Vorsorgeuntersuchung der engsten Verwandten von jungen Menschen mit Herzstillstand könnte weitere Todesfälle verhindern. Doch nur in weniger als 4% der Fälle werden diese über die Möglichkeit informiert, legt eine beim ESC-Kongress präsentierte Studie nahe.

In Deutschland sterben jährlich etwa 65.000 Menschen an plötzlichem Herztod, das sind 20% aller durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachten Todesfälle. 34% der Betroffenen sind unter 65 Jahre alt. Ein Screening der Angehörigen junger Patienten könnte klären, ob sie ebenfalls eine genetische Veranlagung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben, um rechtzeitig gegenzusteuern.

Wahrscheinlichkeit für angeborene Herzerkrankung bei jungen Herztod-Patienten hoch

„Stirbt ein Patient unter 45 Jahren an plötzlichem Herztod, ist die Wahrscheinlichkeit einer angeborenen Herzerkrankung sehr hoch und das Klären der Ursache für die Angehörigen von großer Bedeutung“, erläuterte Studienautor Dr. Ardalan Sharifzadehgan vom Pariser Zentrum für Plötzlichen Herztod (Paris-SDEC), der die Studie beim Kongress der European Society of Cardiology (ESC) präsentierte.

Er rät zu einem Familienscreening und eventuell zu einem zusätzlichen Gentest, wenn Verdacht auf eine angeborene Herzerkrankung besteht. So könnten Präventionsmaßnahmen rechtzeitig eingeleitet werden, etwa in Form von Lebensstiländerungen, Betablockern oder implantierbaren Defibrillatoren.

Sharifzadehgan und sein Team nutzten Daten des Pariser SDEC-Registers von mehr als 18.600 Patienten, die einen Herzstillstand erlitten hatten. Rund 3.000 davon erreichten lebend eine Intensivstation, etwa 2.200 starben dort. Darunter waren 367 Patienten unter 45 Jahren, die im Mittelpunkt der aktuellen Studie standen.

Bei 44% der Patienten wurde die genaue Todesursache geklärt

Bei 18% der Betroffenen wurde ein Koronarangiogramm erstellt, bei 25% eine Computertomographie (CT) durchgeführt und bei 29% eine transthorakale Echokardiographie (TTE). Nur bei  11% gab es eine Autopsie und 1,4% wurde Blut für einen Gentest nach dem Tod abgenommen. Lediglich 3,5% der Familien wurden über die Möglichkeit eines Screenings informiert.

Diese geringe Anzahl an diagnostischen Tests liege unter anderem daran, dass manche Betroffene Kreislaufprobleme haben, was genauere Untersuchungen verhindere, erläuterte Sharifzadeghan. Auch stünden viele Familien zunächst unter Schock, sodass sie eine Autopsie ablehnten, ergänzte Dr. João Sousa vom Funchal Hospital in Portugal, der nicht an der Studie beteiligt war.

Bei 44% der Patienten konnte eine genaue Todesursache festgestellt werden: 45% starben an akutem Koronarsyndrom, 26% an struktureller nicht-ischämischer Herzerkrankung, 14% an Lungenembolie, 10% an Koronarer Herzerkrankung und 1,8% an nicht-struktureller Herzerkrankung. Dass die Todesursache der restlichen Patienten ungeklärt blieb, führte Sharifzadeghan vor allem auf das Fehlen der oben genannten diagnostischen Verfahren zurück.

Literatur: Sharifzadeghan A et al. “Lack of early systematic investigations among young victims of sudden cardiac arrest”, präsentiert bei der Pressekonferenz “Too young to die” am 01.09.2019, ESC-Kongress 2019, Paris

Quelle: Kardiologie.org, 02.09.2019