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29.09.2020

Telemedizinisch könnten wir Herzpatienten kontinuierlich betreuen

Vor allem in ländlichen Gebieten hat die telemedizinische Versorgung von Herzpatienten das Potenzial, Krankenhausaufenthalte zu vermeiden und Betroffene wie Ärzte zu entlasten, weiß Matthias Hoffmann, Kardiologe in der größten kardiologischen Gemeinschaftspraxis in Nordfriesland in Husum.

Sie betreuen Ihre Patienten telemedizinisch aus der Ferne? Das kommt darauf an. Wer krank ist oder Beschwerden hat, kommt in die Praxis. Routinenachsorgen von Patienten mit Herzschrittmachern oder implantierbaren Defibrillatoren betreuen wir häufig telemedizinisch.

Warum müssen Implantatträger überhaupt regelmäßig zum Arzt? Implantate sind komplexe Hightech-Geräte und müssen regelmäßig überprüft werden. Daher sollen die Patienten bis zu dreimal im Jahr zur Nachsorge kommen. Für die meist älteren und zum Teil immobilen Patienten und deren Angehörige ist das ein großer Aufwand. Gerade im ländlichen Raum sind Fachärzte selten und oft weit entfernt. In Nordfriesland gibt es nur fünf Kardiologen, die sich um die Nachsorge kümmern. So wird aus einer nur fünfminütigen Routinekontrolle schnell eine Tagesreise, vor allem für Inselbewohner. Telemedizinische Funktionsanalysen würden Land- und Inselbewohner, aber auch uns Ärzte, sehr entlasten.

Welche Vorteile sehen Sie in der telemedizinischen Nachsorge? In die Praxis kommen die Patienten lediglich zweimal pro Jahr. Telemedizinisch könnten wir die Patienten aber kontinuierlich betreuen. Mithilfe eines smartphoneähnlichen Übertragungsgeräts werden alle Herz- und Implantatdaten nachts automatisch übermittelt. Wir rufen diese mehrfach wöchentlich ab, um den Gesundheitszustand und die Funktionstüchtigkeit des Implantates zu prüfen. In der aktuellen Pandemiezeit unterstützt uns die telemedizinische Betreuung zudem dabei, unsere Patienten vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen, ohne dass wir unsere Nachsorgepflicht verletzen.

Erkennt das Monitoringsystem, wenn sich der Patientenzustand verschlechtert? Ja, und das oft deutlich früher als der Patient selbst. Durch die engmaschige Datenübertragung nimmt das System auch asymptomatische Grenzwertüberschreitungen und Rhythmusstörungen wahr und benachrichtigt uns umgehend. So können wir die Patienten bedarfsgerecht einbestellen und behandeln. Die Früherkennung ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, schwerwiegende Komplikationen, wie Schlaganfälle, Fehltherapien und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden.

Reduziert die Telemedizin auch die Zeiten der Patienten in der Praxis? Teilweise. Die Präsenzbesuche von weitestgehend fitten und beschwerdefreien Patienten mit Herzschrittmachern oder Defibrillatoren können via Home Monitoring sicher reduziert und Nachsorgeintervalle verlängert werden. Herzinsuffizienzpatienten mit Hinweisen auf mögliche Probleme sowie DefibrillatorTräger mit Bewusstseinsverlusten oder unklaren Schockabgaben wollen wir aber häufiger in der Praxis sehen.

Wird die telemedizinische Betreuung von den Kassen erstattet? Telemedizinische DefibrillatorKontrollen können regulär abgerechnet werden. Leider gilt das aber nicht für die dazu notwendigen Übertragungsgeräte. Deren Kosten werden nur von einzelnen Kassen und in Ausnahmefällen übernommen. Herzschrittmacherpatienten wird gar keine telemedizinische Betreuung gewährt. Das ist besonders schade, da sie die Mehrheit der Implantatträger ausmachen und in der Regel älter sind. Und auch das für die Früherkennung essenzielle kontinuierliche Monitoring der Daten wird nicht vergütet – obwohl Studien belegen, dass es die Überlebenschancen der Patienten verbessert. Ohne den Abbau dieser Hürden bleibt es schwierig, Implantatpatienten eine zeitgemäße und sichere Versorgung zu ermöglichen.