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26.05.2020

Therapietreue: Sorge für Ärzte und Herausforderung für Patienten

Im Gespräch:
 Privatdozent Dr. Friedhelm Späh, Leitender Oberarzt am HELIOS Klinikum Krefeld und Leiter des HELIOS Prevention Center 

Herr Dr. Späh, was bedeutet es, therapietreu zu sein?


Dr. Späh: Ganz einfach ausgedrückt versteht man darunter, dass Patienten die Anordnungen ihres Arztes tatsächlich befolgen. Leider ist das aber sehr oft nicht der Fall. Egal, um welche Erkrankung es sich handelt, wir sehen als Ärzte immer wieder, dass ein vergleichsweise hoher Prozentsatz der Menschen die ihnen empfohlene Therapie
 egal, ob es sich um allgemeine Maßnahmen oder um eine medikamentöse Behandlung handelt langfristig nicht beibehält. 

Hängt das nicht in gewisser Weise auch von der Schwere der Erkrankung oder den drohenden Risiken ab?


Dr. Späh: Offensichtlich nicht. Es gibt nicht wenige Patienten, die gerade einen schweren Herzinfarkt überlebt haben, um das Risiko eines erneuten Infarktes wissen und trotzdem den ärztlichen Ratschlägen und Verordnungen nicht Folge leisten. Nur rund jeder zweite Patient nimmt ein Jahr nach einem solchen Ereignis noch die ihm verordneten Medikamente regelmäßig ein. Ähnlich ist es, wenn es um drohende Komplikationen einer Erkrankung geht. 

So weisen Menschen, die an einem Vorhofflimmern leiden oder mehrfach Episoden von Vorhofflimmern erlebt haben, ein deutlich erhöhtes Schlaganfallrisiko auf. Ist eindeutig eine solche Situation gegeben, werden diesen Personen Gerinnungshemmer verordnet, weil durch die damit verbundene Blutverdünnung die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Schlaganfall kommen wird, erheblich reduziert wird. Trotzdem werden die Gerinnungshemmer oft nach einigen Monaten schon nicht mehr oder nicht mehr regelmäßig eingenommen. Die Situation wird noch gravierender, wenn in den Medien dann auch noch vor Medikamenten gewarnt wird. 

Wie sollte man sich in einem solchen Fall verhalten?

Dr. Späh: Wenn man Sorge hat, dass einem ein Medikament, dessen Einnahme verordnet wurde, schaden könnte, sollte man dieses Arzneimittel nicht einfach absetzen. Man sollte vielmehr seinen Arzt konsultieren und mit ihm offen über die Befürchtungen sprechen. Das gilt ebenso, wenn man auf die Einnahme eines Wirkstoffs mit Nebenwirkungen reagiert. Oder wenn die Behandlung so kompliziert ist, dass dies mit dem Alltag kaum zu vereinbaren ist. Oder auch, wenn viele Kontrolluntersuchungen notwendig sind. Es gibt in der heutigen Zeit durch die moderne Medizin fast immer die Möglichkeit, eine Therapie, die den Betreffenden belastet oder die sich nur schwer mit seinem Alltag in Einklang bringen lässt, so abzuändern, dass es kein Problem sein sollte, langfristig therapietreu zu bleiben. 

Warum gibt es dann trotzdem so häufig Probleme mit der Therapietreue?


Dr. Späh: Es ist für einen Rheumatiker, der täglich Schmerzen hat, relativ einfach, die ihm verordneten schmerz- und entzündungs- hemmenden Medikamente einzunehmen, da er die heilsame Wirkung sofort spürt. Auch ein Asthmatiker, der ohne seine Medikamente Luftnot und Erstickungsgefühle entwickelt, wird sich mit der Therapietreue nicht wirklich schwertun. Anders sieht das aus, wenn Menschen Medikamente einnehmen sollen, deren Wirkung sie nicht sofort als hilfreich erleben oder mit denen das Risiko einer schweren gesundheitlichen Komplikation, wie etwa eines Schlaganfalls, abgewendet werden soll. Je weniger man direkt am eigenen Körper erfährt, dass die Medikamenteneinnahme oder auch eine allgemeine Maßnahme, wie beispielsweise der Rauchverzicht, für die langfristige Gesundheit wichtig ist, umso schwerer ist es, den Empfehlungen des Arztes tagtäglich zu folgen. 

Wie lässt sich die Therapietreue verbessern?


Dr. Späh: Es ist wichtig, dass die Betreffen den gut über die Notwendigkeit der Behandlung informiert sind. Sie sollten wissen, dass Ärzte nicht grundlos Medikamente verschreiben. Es geht vielmehr immer darum, Beschwerden, die durch eine Erkrankung bedingt sind, zu lindern oder das Auftreten bedrohlicher Ereignisse abzuwenden. Doch auch wenn man um die Risiken der Nicht-Therapietreue – wir sprechen auch von der Non-Compliance – weiß, fällt es manchen Menschen schwer, die ärztlichen Anweisungen zu befolgen. Es kann dann hilfreich sein, Familienangehörige einzubinden und mit darauf achten zu lassen, dass Medikamente regelmäßig eingenommen werden. Man kann sich außerdem heutzutage auch durch eine App daran erinnern lassen. Therapietreu zu sein, fällt außerdem umso leichter, je einfacher die Behandlung zu realisieren ist. Es ist verständlicherweise einfacher, nur eine Tablette quasi über einen Reflex morgens zum Frühstück oder zu der Tasse Kaffee zu nehmen, als mehrmals am Tag an die Medikamenteneinnahme denken zu müssen. Das Wichtigste aber scheint wohl zu sein, dass man sich der Risiken, die mit der Nichteinnahme eines bestimmten Medikamentes – wie beispielsweise eines Gerinnungshemmers beim oder nach dem Vorhofflimmern – verbunden sind, bewusst ist. 

Herr Dr. Späh, haben Sie vielen Dank für das Interview.